"Wir haben verloren"

"Wir haben verloren"

19.10.2012  von NK


"Es fing schleichend an, fast unmerklich. 600 Kilometer lagen zwischen uns und wir hätten gerne öfters mit ihm telefoniert, da wir bis dahin ein entspanntes und gutes Verhältnis zueinander hatten. Es wurde zunehmend schwieriger, ihn zu erreichen, es kam meist keine Rückmeldung, keine Antwort auf Emails oder auf ein SMS. Seine Besuche bei uns wurden ohne ersichtlichen Grund immer seltener und schließlich brach der Kontakt von seiner Seite aus ganz ab.

Auf Umwegen kam uns zu Ohren, dass er sein Studium bis auf Weiteres auf Eis gelegt hatte und vorübergehend bei einer Online-Bekannschaft untergeschlüpft war. Bedingt durch einen Wasserrohrbruch musste die Hausverwaltung in seine verlassene Wohnung und fand diese in einem völlig verwahrlosten Zustand vor.

Alarmiert durch diese für uns unfassbare Tatsache, beschlossen wir, seinen -wie wir gedacht hatten- Wunsch nach Distanz nicht weiter zu respektieren und standen schließlich unangemeldet vor der Tür seiner Bekannten. Erst jetzt kamen wir hinter das Geheimnis seiner tiefgreifenden Veränderung und emotionalen Verarmung:

O n l i n e r o l l e n s p i e l s u c h t !


 Dieser sehr begabte junge Mensch, der seine Schulzeit problemlos und locker hinter sich gebracht hatte, ein gutes Abitur absolviert und ein vielversprechendes Studium in Angriff genommen hatte, war innerhalb von nicht einmal zwei Jahren zu einem vom realen Leben weitestgehend abgekoppelten Menschen mutiert. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt besteht darin, kurz das Allernötigste einzukaufen, um danach zusammen mit seiner ebenfalls internetsüchtigen Bekannten den Rest der Zeit vor dem PC zu verbringen. Sein Tages- und Nachtrhythmus hat sich vollkommen verschoben - erst am Mittag wird aufgestanden, um dann am Nachmittag, am Abend und die Nacht hindurch bis in die frühen Morgenstunden das virtuelle Leben in World of  Warcraft zu bestehen. Die Internetsucht wird jedoch vollkommen verleugnet - es handelt sich nur um "ein paar Stündchen" am PC ("ein paar Bierchen" heißt es beim Alkoholiker), nur um "ein Hobby".

Mit hartnäckiger Überzeugungsarbeit ist es uns tatsächlich gelungen, unseren Sohn  für zwei Tage nach Hause zu holen, und wir haben ihm in ausführlichen Gesprächen eine sofortige Therapie in einer Suchtklinik ans Herz gelegt. Doch er sah sich außerstande, auf sein Internet zu verzichten. "Da verliere ich ja alle meine Freunde. Die kann ich nicht im Stich lassen." Dass es sich dabei nicht um reale Bekanntschaften handelt (er hat keine mehr!!), ist ihm nicht bewusst. Wir haben ihm klar zum  Ausdruck gebracht, dass ihm jegliche finanzielle Zuwendung gestrichen werden muss, wenn er sein Leben weiterhin ausschließlich vor dem PC zu verbringen gedenkt und dass wir diesen Weg nicht mit ihm gehen können. Sollte er zu einer Therapie bereit sein, würden wir ihm alle nur erdenkliche Hilfe zukommen lassen. Fast sah es so aus, als wäre er bereit, doch sein Mut hielt nur kurze Zeit an. Wie ferngesteuert stand er plötzlich auf, packte seine Sachen und ging. Die Sucht war stärker.

Jetzt hat er sein Studium endgültig abgebrochen, sich exmatrikulieren lassen, um Sozialhilfe beantragen zu können.  Ein junger, gesunder, begabter Mensch steht ganz ohne Ausbildung und damit ohne Beruf da, unfähig, am Erwerbsleben teilzunehmen und sich selbst zu versorgen, weil die virtuelle Welt stärker und wichtiger geworden ist als das wirkliche Leben."

Zitiert nach: Forum www.rollenspielsucht.de

 



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